Interview mit Youn Sun Nah

interview - 16.06.2009 15:05

Interview mit der sympathischen Jazzsängerin vor ihrem Auftritt im Jazzclub Unterfahrt, München

Vor dem Konzert hatte KoME die Gelegenheit ein kurzes Interview mit Youn Sun Nah zu führen. In der kleinen Garderobe lernten wir die schüchterne Sängerin besser kennen.


Kannst du dich und deine Musik unseren Lesern vorstellen?

Youn Sun Nah: Ich bin eine koreanische Jazzsängerin namens Youn Sun Nah. Ich begann sehr spät damit Musik zu studieren als ich ungefähr 26 war und zog nach Frankreich um Jazz zu lernen. An der Uni in Korea studierte ich französische Literatur und hatte später die Möglichkeit in einem koreanischen Comedy Musical mitzumachen. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir bewusst, dass ich Musik machen wollte, also zog ich nach Frankreich um Jazz und französischen Chanson zu studieren. Nach einiger Zeit gründete ich eine Gruppe namens Youn Sun Nah Quintett mit französischen Freunden und wir traten auf verschiedenen Festivals auf und gewannen Preise. Wir versuchten unsere eigene Musik zu machen, die oft nach Rock, Pop..etwas experimentellem klang. Ungefähr 10 Jahre spielten wir gemeinam, bis ich später etwas Neues probieren wollte und nach Korea ging, wo ich mit einigen Jazzkünstlern spielte, aber auch ein Pop Album aufnahm. Vor 3 Jahren traf ich schlussendlich Ulf Wakenius und wir beschlossen zusammen zu spielen.


1995 hast du beschlossen nach Paris zu gehen. In einem älteren Interview sprachst du dabei von „par hasard“ (aus versehen), aber man fliegt ja nicht aus versehen in ein anderes Land. Was war der Hauptgrund für dich, Korea zu verlassen und woher nahmst du die Kraft diesen Schritt zu gehen?

Youn Soun Nah: Als ich die High School besuchte hatte ich eine sehr gute Französischlehrerin die französischen Chanson wirklich liebte. Sie gab uns die Möglichkeit französischen Chanson zu hören und auch ich verliebte mich sofort. Ich denke immer daran. Vielleicht begann ich deswegen französische Literatur zu studieren. Auch riet mir einer meiner Musikerfreunde immer wieder nach Frankreich zu ziehen, weil es dort eine der besten Jazz Schulen gibt.


Wo nahmst du die Kraft her nach Frankreich zu ziehen? Nicht viele würden diesen Schritt wagen. War es einfach für dich oder gab es Zeiten in denen du zurück wolltest?

Youn Sun Nah: Ich weiß es nicht. Ich stelte mir nie vor eine professionelle Sängerin zu werden. Ich wollte studieren. Meine Vorstellung war es drei Jahre zu singen und dann nach Korea zurückzukehren um zu Unterrichten. Also war es wirklich ein Unfall, dass ich blieb.


Du hast mit Musicals begonnen aber dann zu Jazz gewechselt. Warum genau bevorzugst du Jazz dem Musical und was macht Jazz so besonders für dich? Gibt es dir etwas was andere Musikstile nicht können?

Youn Sun Nah: Um Musicals machen zu können muss man vieles anderes auch können, es ist eine komplexe Sache. Ich war nie gut im Tanzen oder Schauspielern. Ich glaube Jazz bedeutet mehr Freiheit. Selbst wenn man aus...ich weiß nicht...dem Ende der Welt kommt, kann man Jazz machen. Es gibt keine Grenzen im Jazz.


Auch hört man viele lateinamerikanische Einflüsse, ähnlich Buena Vista Social Club, sind in deinem Sound bemerkbar. Wie wurdest du auf diese Stile aufmerksam und was magst du besonders daran, dass du sie immer wieder verwendest?

Yun Sun Nah: Wow, glaubt ihr wirklich? Ich habe noch nie darüber nachgedacht, aber ich mag diese Art Musik. Vielleicht vermischte ich es unbewusst. Die Musik berührt mich sehr und ich glaube Koreaner sind die Latino-ähnlichsten Menschen in Asien, vielleicht fand ich deswegen Gemeinsamkeiten.


Was für eine Art Jazz machen andere koreanische Sänger? Vermischen sie auch Stile wie du?

Youn Sun Nah: Die meisten Jazz-Sänger spielen Standart-Jazz der sehr amerikanisch klingt. Da viele junge Musiker im Ausland studieren, besonders in Amerika, glaube ich werden sie vom amerikanischen Jazz sehr beeinflusst. Viele der Sänger machen nicht ihr eigenes Ding. Die Jazz Popularität wächst zwar ständig weiter an in Korea, doch wir haben nicht genug Informationen dort. Also müssen wir imitieren. Ich hatte sehr viel Glück nach Europa gekommen zu sein.


In einem Interview für eine andere Publikation sagtest du, dass du immer eine tiefe, raue Stimme wie Billie Holiday, Sarah Vaughan oder Ella Fitzgerald haben wolltest, doch dein Professor meinte, du solltest mit deiner eigenen Stimme singen. Wie fühlst du dich jetzt mit deiner Stimme? Wünschst du dir immer noch du hättest eine tiefe, raue oder glaubst du deine Stimme ist genau das was du brauchst?

Youn Sun Nah: Nein nein sie ist....uuugh (lacht und schüttelt den Kopf). Ich glabe ich werde nie so eine Stimme haben, vielleicht wenn ich 70 bin und viel rauche und trinke. Aber ich glaube ich muss einfach ich sein und das Beste aus meiner Stimme machen.


Dein Pop Album war in Korea sehr erfolgreich. Wünschst du dir diesen Erfolg auch für deine Jazz Alben oder findest du die verschiedenen Reaktionen in Europa und Korea auf deine Musik sind in Ordnung?

Youn Sun Nah: Jazz in Korea, obwohl wir ein großartiges Jazzfestival haben, bleibt immernoch im Untergrund. Ich kann nicht sagen, dass ich traurig bin. In anderen Ländern gibt es jeden Tag Radiosender für Jazzmusik, in Korea haben wir nur eine Stunde in der Woche, also hat man nicht wirklich die Gelegenheit Jazz zu hören.


Was genau bewegte dich dazu ein Pop Album aufzunehmen?

Youn Sun Nah: Ich wollte nach Korea zurückkehren und mit koreanischen Popkomponisten Arbeiten um Popmusik "gespielt von eurpäischen Jazzkünstlern" zu machen. Also sprach ich mit meinem Manager und er sagte "Wieso nicht!". Also rief ich Nils Lan Doky, den dänischen Jazzpianisten der in Paris lebt, an, da ich seine Musik sehr mochte. Er willigte ein und ich schickte ihm die Lieder damit er hören konnte ob es ihn interessieren würde. Er war total überrascht von den koreanischen Kompositionen. Man wusste nicht wie es klingen würde, aber es war eine großartige Zusammenstellung.


Dein neuestes Jazz Album heißt Voyage. Was bedeutet der Name? Welche Bedeutung hat er für dich persönlich?

Youn Sun Nah: Seit 1995, dem Jahr in dem ich nach Europa kam, glaube ich, war ich immer Unterwegs. Für eine koreanische Jazzsängerin ist es nicht üblich so einen Nomaden-ähnlichen Lebesstil zu führen. Ich weiß nicht wann es enden wird und ob ich dann mit dieser Reise zufrieden sein werde. Man weiß nie auf wen man trifft, mit wem man spielen wird, also ist Jazz eine Art Reise.


Du sagtest, du wüsstest, eines Tages würdest du „Jockes Full of Bourbon“ singen und endlich hast du dies auf deinem neuen Album getan. Gibt es dennoch noch einen Klassiker den du singen willst, dich aber bisher nicht trautest?

Youn Sun Nah: Weil ich nichts über Tom Waits wusste, dachte ich das erste Mal als ich den Song hörte "Ist er krank? Hat er Probleme?" da seine Stimme komisch klang. Aber es war sehr spirituell und ich wollte es unbedingt singen. Ich will vieles probieren, vielleicht auch mal etwas von Madonna?


Welcher ist dein Lieblingssong aus dem Album und warum.

Youn Sun Nah: Alle Lieder sind speziell. Sie alle haben ihre eigene Geschichte und ich kann nicht sagen, dass einer mir besonders gefällt. Es kommt immer auf meine Stimmung an.


Wenn du deine Lieder schreibst, wirst du von etwas inspieiert oder schreibst du einfach drauf los?

Youn Sun Nah: Es ist das Leben an sich. Ich betrachte mich nicht als Komponist, ich bin eine Sängerin. Ich habe es dieses Mal probiert aber weiß nicht, ob es gut ist. Für mich war es mehr wie eine Hausaufgabe und ich musste es tun.


Also hast du keine Jam-Session mit anderen Musikern bei denen du manchmal denkst "Oh das klingt gut! Nehmen wir es!". Oder hast du eine Melodie im Kopf und verwirklichst du sie dann?

Youn Sun Nah: Nunja ich arbeite alleine. Aber vielleicht probiere ich das mal, es klingt nach einer guten Idee.


Wenn du mit einem Künstler der jemals gelebt hat / der noch lebt zusammenarbeiten könntest, wer wäre das?

Youn Sun Nah: Ich weiß nicht (lacht kurz und denkt nach)...da gibt es so viele, ich kann nicht nur einen erwähnen...yeah vielleicht Sting? Ich meine ich spiele mit Ulf Wakenius, das ist bereits wie ein wahrgewordener Traum.


Deine derzeitige Tour findet von Mai bis Juli und von Oktober bis November statt und führt dich nach Deutschland, Korea, China, Frankreich und vielen weiteren Ländern. Ist das nicht sehr anstrengen oder gefällt dir das Reisen und die verschiedenen Zuhörer zu treffen?

Youn Sun Nah: Jedes Mal kann ich erst nach den Konzerten genießen. Aber davor ist es so stressig. Aber ja, ich bin sehr glücklich. Zum Beispiel in China traf ich eine chinesische Jazzsängerin und sie sagte mir, sie will eine Karriere wie meine. In Shangahi traf ich mit meinen französischen Musikerfreunden ein und man muss sich vorstellen eine Asiatin mit vier französischen Männern (lacht)... Für diese chinesische Sängerin war das ein Traum und sie erzählte mir, sie sei stolz darauf eine Asiatin zu sein. Der Kontakt zu den Menschen ist immer sehr bewegend und voller Emotionen.


Hast du Unterschiede zwischen deinem Publikum in den verschiedenen Ländern festgestellt und gibt es vielleicht ein „Lieblingspublikum?“

Youn Sun Nah: Meistens sind sie sehr ähnlich. Aber die koreanischen Zuschauer sind die "heißesten" auf der ganzen Welt.


Wieso?

Youn Sun Nah: Nunja, bei einem Jazzkonzert sitz man für gewöhnlich ruhig dran und hört zu. Aber Koreaner rufen bei Konzerten dazwischen und singen mit. Es gibt ein Jazzfestival in Korea und letztes Jahr spielten John Scofield und Joe Lovano dort. Ihre Musik ist nicht sehr einfach, man kann nicht dazu mitsingen. Aber die Fans waren so verrückt, sie merkten sich alle Melodien aus den Alben und sangen zu den Gitarrenstücken. John Scofield und Joe Lovano konnten es nicht glauben. Jazz ist nicht Pop aber die Fans singen mit!


Gibt es einen Veranstaltungsort auf den du dich wirklich freust oder fehlt sogar noch eine Stadt/Land in das du schon immer reisen wolltest, auf deiner Liste?

Youn Sun Nah: Ich will nach Brasilien. Ich war noch nie dort, aber vielleicht Ende des Jahres. Wir sind mitten in den Verhandlungen mit einem brasilianischen Organisationsteam.


Es ist auffallend das fast die Hälfte deiner Konzerte in Deutschland stattfinden, gibt es dafür irgendwelche Gründe?

Youn Sun Nah: Da mein Album bei einem deutschen Label erschienen ist, möchten sie natürlich, dass ich hier so oft wie mögliche spiele. Sie organisieren so viele Konzerte wie möglich und ich bin so aufgeregt. Ich habe oft in Frankreich gespielt und obwohl es so nah beieinander liegt, ist es so verschieden. Und meine französischen Jazzfreunde beneiden mich.


Und, gefällt dir Deutschland?

Youn Sun Nah: Ja, ich liebe es! Besonders die Sprache!


Du bist schon oft aufgetreten – was denkst du über die Auftritte? Fühlt es sich jetzt anders an als beim ersten Mal und was denkst du über deinen Auftritt heute Abend?

Youn Sun Nah: Es ist immer sehr aufregend aber auch gruselig (lacht). Ich kann nicht ruhig bleiben und es wird auch nie zur Routine werden. Ich wünschte ich könnte das, aber ich bin immer nervös.


Gibt es einen Auftritt von dir, von dem du glaubst, dass er besonders heraussticht?

Youn Sun Nah: Ja, als ich den großen Preis bei einem französischen Jazzfestival gewann. Es war so unvorstellbar auf so einer großen Bühne aufzutreten. Aber es gab einen Wettbewerb und ich bewarb mich. So konnte ich dort spielen, wo auch legendäre Jazzmusiker wie Ray Charles auch aufgetreten sind. Es war sehr emotional.


An freien Tagen zwischen den Konzerten, was unternimmst du da normalerweise?

Youn Sun Nah: Ich mag einkaufen gehen nicht wirklich. Ich bleibe normalerweise im Hotel da ich nicht viel Zeit für mich habe. Zum Beispiel habe ich heute Morgen den Flieger um 8 Uhr genommen und bin um 14.30 Uhr in Deutschland angekommen. Ich musste einiges vorbereiten und meine Mails abholen....ich bin immer in Eile also gibt es nicht viel Zeit um mich zu amüsieren.


Du verbringst viel Zeit in Paris, was genau gefällt dir an dieser Stadt? Gibt es etwas von dem du dir wünschst es wäre in Korea genauso wie in Paris (oder umgekehrt) oder magst du genau diese Unterschiede wenn du hin und her reist?

Youn Sun Nah: In Paris gibt es alles. Wenn man Musik hören will, wenn man irgendwelche Ereignisse sehen will...es ist möglich. So viele Dinge geschehen dort jeden Tag. Kulturell gesehen ist Paris sehr reich. Das ist etwas, das ich nach Korea bringen möchte. Ich glaube Korea hat vieles, aber es bleibt trotzdem ein Industrieland. Langsam ändert es sich, aber es wird noch eine Weile dauern bis es europäischen Ländern ähnelt.


Unsere Seite KoME bemüht sich koreanische Musik einem größeren europäischen Publikum zu präsentieren, egal welches Genre das ist. Du hast es geschafft sowohl in deinem Heimatland Korea aber auch in Europa und der ganzen Welt erfolgreich zu sein. Glaubst du weitere koreanische Künstler können und sollten dies auch versuchen?

Youn Sun Nah: Ich hoffe es, aber ich glaube es ist nicht einfach diesem Kreis beizutreten. Es ist ein gut etablierter Kreis. Für mich war es schon hart, aber ich hatte Glück die richtige Person zu treffen. Ich wünschte jedem würde dieses Glück wiederfahren aber für Koreaner ist es schwer. In der klassischen Musikszene sind wir sehr stark, aber bei anderen Genres wird es seine Zeit dauern.


Danke dass du dir die Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten. Noch einige letzte Worte an unsere Leser?

Youn Sun Nah: Wisst ihr, es ist mein erstes Konzert in München und ich bin sehr aufgeregt. Ich hoffe, dass es gut wird und das ich bald zurückkehre!


KoME bedankt sich bei Youn Sun Nah und ACT Music die dieses Interview möglich machten.
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Youn Sun Nah - Koreanischer Jazz in Europa

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